Aufsätze

A: Integration durch Tanzen
Jede Kulturrichtung ist auf Grund der Förderrichtlinien für kulturelle Aktivitäten gezwungen neben dem Gewinn in der ästhetischen Erziehung wenigstens eine Umwegrentabilität darzustellen. So zum Beispiel, wie viele Fehlgeleitete wurden durch das Projekt auf den Pfad der Tugend zurückgebracht? Wir wissen, dass Lernen ein chemischer Prozess ist, der Zeit benötigt. Projekte für 6-8Wochen sind für Lernprozesse, die Nachhaltigkeit haben sollen, zu kurz. Darüber hinaus stehen die Projekte und ihre Akteure mit ihren traditionellen Erziehungszielen in Bildender Kunst, Musik, Tanz und Theater auf der „anderen“ Seite des Ufers. Die Einschaltquoten der Jugendlichen von DSDS zeigen wo sich die „Richtigen“ befinden. „Tanz in der Schule“ findet ganzjährig statt. Tanz wird überwiegend von Lehrern angeboten, die in den gesamten Lernprozess ihrer Schüler eingebunden sind. Sie müssen aktuelle Verhaltensweisen oder Überzeugungen der Schüler aufnehmen und bearbeiten. In der Grundschule müssen die Lehrer die fehlende musikalische Erfahrung der Kinder nachholen. Die Kinder kennen lediglich den intrauterinen Herzschlag der Mutter und den Beat von Rock-, Pop- und Technomusik. Da die Eltern wegen ihrer beruflichen Situation, Überstunden sind eine Selbstverständlichkeit, keine Zeit haben, mit den Kindern zu spielen , fällt eine zunehmende körperliche Ungeschicklichkeit bei der Einschulung auf. Kinderärzte schlagen bereits Alarm. Ausländische Kinder haben musikalisch den Erfahrungshintergrund von ihren Eltern, z.B. mit Musik aus Indien, Korea, Nordafrika, Zentralafrika, Usbekistan, Arabien u.s.w. Alle Kinder bringen die Überzeugungen ihrer Eltern in die Schule mit über Menschen und die gesellschaftliche Situation in Deutschland. Der Begriff „kulturelle Erfahrung“ hat viele unterschiedliche Ausgangssituationen, die gegenseitig erst einmal kennen gelernt werden wollen. Ist es nach dieser Schilderung besser vorstellbar, dass Erziehung (Lernen) Zeit und finanzielle sowie emotionale Verlässlichkeit braucht? Mit (Volks)Tänzen aus vielen Ländern kann der Abstand der Kulturen in der Schule überbrückt werden. Dazu braucht man jedoch, sehr gut ausgebildete Kulturvermittler/Tanzleiter, die sich mit den unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen auskennen. Hinzu kommen fundierte Kenntnisse über soziale, politische, ethnologische und historische Zusammenhänge in den Herkunftsländern der Volkstänze und der Schüler. Nur dann kann mit der gebotenen Sensibilität eine Situation geschaffen werden, in der die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen dargestellt werden können. Von keinem Lehrer werden weltumspannende Kulturerfahrungen erwartet, Kenntnisse auf einigen Gebieten ermöglichen ihm einen respektvollen Umgang mit anderen Kulturen, der Vertrauen schafft. In einer solchen Atmosphäre trauen sich die Schüler ihren kulturellen Hintergrund darzustellen. Diese Öffnung verhindert die Abschottung in ethnischen Clubs. Ein wesentlicher Teil dieser tänzerischen Arbeit ist der Einsatz von authentischer Volksmusik, nicht von Worldmusik, in der es nur noch musikalische Andeutungen der Herkunftsländer gibt. Mit authentischer Volksmusik kann ein Schüler dann sagen: “Seht mal so bin ich auch!“ Anschließend kreischen dann alle gemeinsam für Tokio Hotel.
Diesen Herausforderungen kann sich ein Lehrer nur dann stellen wenn ihm eine regelmäßige, überregionale und qualitativ hochwertige Fortbildung offen steht, d.h. wenn eine solche mit geringen Mitteln , jedoch kontinuierlich gefördert wird. 30Cent/per anno/per aktiver Tänzer würden reichen!
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B: Stramme Waden – Dralle Mieder
Dafür bin ich extra in die Schule gekommen!“ Dirndl, Holzschuhe, fliegende Röcke, dralle Mädels, stramme Männerwaden, ältere Herrschaften, nur betrunken zu ertragen, Faschismus – das fällt vielen spontan zum Begriff „Volkstanz“ ein. Aber im Urlaub wehmütig zusehen, wenn griechische Männer vorm Sonnenuntergang Hassapikos tanzen, wenn auf einer türkischen Hochzeit alle ohne Ausnahme beim Halay Spaß haben. Oder auf Dorffesten in Frankreich, Schweden und Spanien erstaunt konstatieren, dass in anderen Ländern Volkstanz nicht ideologisch kontaminiert ist und Jung und Alt sichtlich Freude macht. Aber da ist es ja auch „Folklore“, kein spießiger „Volkstanz“. Der Begriff „Folklore“ ruft eher solche Assoziationen hervor: Live-Musik, Fest, Gemeinschaft, Fröhlichkeit.
Freude und Spaß versprechen sich auch die Achtklässler, die ungeduldig vor der Aula warten. Sie wollen Unterricht – und zwar sofort! Ein „verhaltensorigineller“ Schüler sagt zur Lehrerin, die den Ghettobluster anschleppt: „Wann tanzen wir endlich? Dafür bin ich extra in die Schule gekommen!“ Von so einer positiven Erwartungshaltung berichten viele KollegInnen, die seit Jahren „Tänze aus vielen Ländern“ unterrichten (in Musik oder Sport, im Wahlpflichtunterricht oder in Arbeitsgemeinschaften). Und das in einer bemerkenswerten Vielfalt: Tänze aus Israel, Rumänien, Russland, Schottland, Armenien, Ungarn, Serbien usw. Tänze im Kreis, in Reihen, in Gassen und paarweise. Tänze zu Panflöten, Steel-Drums, Bouzoukis und Balalaikas. Square Dance, Line Dance, Rounds, Mixer, Debkas, Horas, Quadrillen. Es ist durchaus auch mühsam, Kinder zu Tänzen zu bewegen, mit denen sie sich von allein nicht befassen würden. Aber freiwillig würde auch kaum ein Schüler „Emilia Galotti“ lesen oder „Die vier Jahreszeiten“ hören…
Tanzunterricht lohnt sich!
Am liebsten tanzen SchülerInnen zu „ihrer aktuellen Musik“ und denken sich selber Choreographien dazu aus. Aber es ist verblüffend, wie stolz sie sind, wenn eine Square Formation (zu Musik der 50er Jahre) das erste Mal klappt. Beim Square Dance müssen vier Paare gemeinsam „funktionieren“ – eine Teamarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Etliche Tänze z.B. aus Griechenland, Armenien oder Israel werden mit der Zeit solche Ohrwürmer, dass die SchülerInnen sie sich jede Stunde wünschen. Das gemeinsame Erleben bei einem Kreistanz lässt sie, so kitschig es klingt, dermaßen strahlen, wie sie es beim Einzeltanz in Formationen nie tun. Allerdings muss man anfangs ein wenig darum kämpfen, damit sich die Kinder überhaupt anfassen… Etliche KollegInnen berichten, dass die Kinder beim Tanzen wie ausgewechselt seien. Sie gehen nett miteinander um und mahnen sich gegenseitig zur Ruhe, damit der Unterricht weitergeht. In tanzenden Klassen wird das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen mit der Zeit unverkrampfter und lockerer. Die Klassengemeinschaft verbessert sich deutlich. Im Musikunterricht lassen sich beim Tanzen musikalische Grundkenntnisse weitaus schneller und effektiver vermitteln als durch eine klassische Querflöten- oder Geigenausbildung der Lehrkraft. Mittlerweile gehört Tanzen zur Ausbildung von Musiklehrern. Man muss dafür kein Balletttänzer sein, auch Laien sind schnell in der Lage, einfache Kreistänze und Mixer beizubringen.
„Kein gesunder Mensch tanzt!“ Das hat angeblich Cicero gesagt. Heute würden ihm Mediziner, Tanzpädagogen und alle, die gern tanzen, energisch widersprechen. Tanz dient der Gesundheit, ist gut für Körper und Seele. Im Grunde ist jede Art der Bewegung für Kinder und Erwachsene wichtig. Aber „Tanzen ist Leben“ erklärt Gunter Kreutz, Musikkognitionsforscher an der Uni Oldenburg. Tanz bringt die Generationen und Geschlechter zusammen. Tanz ist gut fürs Selbstbewusstsein, schult Koordination, das Gefühl für Rhythmus und Schnelligkeit. Tanz entspannt, tut der Psyche gut und wirkt gegen Alltagsstress. Wer musiziert, singt und tanzt, verbessert die verbale Merkfähigkeit. Tanzen wird gern unterschätzt, dabei beansprucht es Motorik, Aufmerksamkeit, Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis. Und natürlich ist es nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig, sondern auch für Erwachsene. Nicht ohne Grund tanzen in Berliner Fortbildungskreisen regelmäßig auch KollegInnen mit, die gar keine Tanzgruppen (mehr) leiten, sondern das nur für sich selber tun. Tanz kann Therapie und Heilmittel bei etlichen Krankheiten sein. Das Demenzrisiko im Alter wird dadurch um 76 Prozent reduziert!
In der Schule merkt man den Bewegungsmangel heutiger Kinder in Sport und beim Tanzen besonders deutlich. Manche können nicht rückwärts laufen oder klagen schon bei einer einzigen Drehung über Schwindelgefühle. Ein flotter israelischer Kreistanz – und sie sinken erschöpft auf die Bank. Vielen Kindern und Jugendlichen liegt gezieltes Üben nicht, sie geben sich schnell mit scheinbaren Erfolgen zufrieden. Beim Tanzen lernen sie auch Ausdauer und Beharrlichkeit.
(Gabriele Frydrych)
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C: Das „Fenster“* in Tokyo  –  „Tanko Bushi“ ** in Berlin  
oder wieviel Jahrzehnte ging die kulturelle Globalisierung der wirtschaftlichen voraus?
Im folgenden Artikel gebe ich eine kurze Übersicht über die Geschichte des Volkstanzes in der Bundesrepublik Deutschland nach dem 2. Weltkrieg. Die Zusammenstellung ist nichts für detailverliebte Leser und Zahlenfüchse. Es werden politische Zusammenhänge aufgezeigt.
Vorgeschichte:
Im Dritten Reich mussten sich die meisten Freizeit-Tanzgruppen dem Versammlungsverbot beugen und mit dem Tanzen aufhören. Es gab, wie Volker Klotzsche es dargestellt hatte, auch einige Tanzgruppen, die mit einer gewissen Systemnähe weitermachen durften.
Deutscher Volks- Tanz, ist seit >hundert Jahren bis heute ein Gemisch aus authentischem Volkstanz und Jugendtanz. Jugendtanz ist so zu verstehen, dass Tänze im deutschen Stil/Quadrillen mit Volksmusikelementen von TänzerInnen, Musikerinnen oder TanzleiterInnen choreografiert wurden. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es enge Verbindungen zu Tanzgruppen in Nord- und Osteuropa. Man befand sich in einem regen Austausch von Figuren und Tanzelementen.
Nach Beendigung des Krieges haben die TanzleiterInnen mit ihren MusikerInnen wieder mit deutschen Volkstänzen und Jugendtänzen angefangen.
Was geschah nach dem Krieg?
Der Marshall Plan wurde mit dem Ziel implementiert, in Westdeutschland die Bevölkerung an einen amerikanischen Lebensstil zu gewöhnen. Ein weiteres Ziel stand dabei auch im Vordergrund: Es sollte damit die amerikanische Wirtschaft angekurbelt werden. Um dieses Ziele zügig voran zu treiben, wurden Protagonisten auf dem Gebiet der Erziehung und Bildung für 3-6-Monate mit einem Fulbright Stipendium nach USA eingeladen. Sie lernten amerikanische Schulen, Colleges und Universitäten kennen. In den Bildungseinrichtungen wurde in der Freizeit International Folk Dance (IFD) getanzt. Das IFD Programm beruhte auf einem Tanzprogramm, „101 Easy Dances“, das sich im Rahmen der amerikanischen Settlement Bewegung seit 1920 herauskristallisiert hatte. Die amerikanische Settlement Bewegung war dafür konzipiert, die Neu –Einwanderer mit den etablierten Einwanderern unter Wahrung ihrer kulturellen Eigenheiten zusammenzubringen. Als kulturelle Eigenheiten galten Musik, Gesänge, Tänze und Speisen der jeweiligen Heimat. Unabhängig von der Settlement Bewegung bestand seit der Weltausstellung 1939 In NYC ein Hype um Volkstanz, den ein begnadeter Tanz Animateur, Michael Herman, ausgelöst hatte. Plötzlich wollten alle die Tänze ihrer Väter kennenlernen. In Deutschland konnten die Rückkehrer das Tanzprogramm sehr erfolgreich einführen, da sie standardisierte Tanzbeschreibungen und die Musik dafür auf Schallplatten hatten. Damit fand eine Erweiterung des Tanzprogramms statt, die nach der Abgeschlossenheit im Dritten Reich gierig aufgenommen wurde. Gleichzeitig wurden im Gebiet der Westalliierten deutsche (Volks)Tänze pauschal als Ausdruck einer rückwärtsgewandten geistigen und politischen Einstellung diffamiert. Durch das neue Tanzprogramm wurde ein inhaltlicher Keil zwischen die östliche und westliche Tanzszene getrieben, unterstützt dadurch, dass in der russischen Besatzungszone deutsche Volkskultur als Ausdruck der Arbeiter und Bauern staatlicherseits gefördert wurde, während es im Westen keine wesentliche Förderung für Tanzen gab.
Die Beobachtung wie schnell sich das neue Tanzprogramm in Deutschland durch setzte, wurde bereits Anfang der 50er von den Amerikanern aufgenommen und gezielt in Japan, das, wie Deutschland, unter Alliierter Besatzung stand, eingesetzt. Unter den in Japan Stationierten befanden sich in verschiedenen Einheiten Volkstänzer, die nach und nach japanische Mitarbeiter zum Tanzen in ihre Gruppen einluden. In kürzester Zeit wurden von den Japanern eigene Tanzgruppen für dieses westliche Tanzprogramm gegründet. Um die Tanzszene in Japan mit Material zu versorgen, organisierten die Amerikaner in Laufe der nächsten 10 Jahre mindestens drei mehrmonatige Seminartouren mit amerikanischen Tanzleitern. Wie Nelda Drury, S.A. Texas, uns mitteilte, wurden sie von der amerikanischen Verwaltung dafür bezahlt. Diese Unterstützung wurde der deutschen IFD Szene nach dem Krieg nicht gegeben.
Die japanischen TanzleiterInnen wurden genau wie die deutschen TanzleiterInnen selbstständig und organisierten sich ihre regelmäßigen Fortbildungen, um Tanzmaterial für ihre Tanzgruppen zu haben. Sie luden dafür in den ersten Jahren, die Tanzlehrer ein, die sie durch amerikanische Unterstützung kennengelernt hatten. Später luden sie auch Tanzlehrer ein, die aus den Ländern der Tänze kamen.
Es wurde seit den 50er Jahren in Deutschland und in Japan das Tanzprogramm „101 Easy Dances“ in basisdemokratisch geführten Tanzgruppen mit ehrenamtlicher Leitung getanzt. Die Auseinandersetzung mit der Kultur anderer Länder war und ist wertschätzend und von Neugier geprägt, d.h. die TänzerInnen beider Länder reisten in die Herkunftsländer der Tänze oder legten sich Trachten von dort zu um eine besondere Verbundenheit zu den Menschen oder der Kultur zu zeigen.
Zum Tanzprogramm ist zu sagen, dass es aus 20% deutschen und österreichischen Tänzen, 10% skandinavischen Tänzen, 25-30% Balkantänzen, 10% polnischen und osteuropäischen Tänzen sowie jeweils 10% russischen, ungarischen und tschechischen Tänzen bestand. Später kamen noch israelische Tänze dazu. Am beliebtesten waren die Tänze im Kreis, da es nach dem Krieg nur wenige Männer als Tanzpartner gab. So kann es auch erklärt werden, dass sich gerade Balkantänze und israelische Tänze großer Beliebtheit erfreuten. Kennengelernt haben sich die japanischen und deutschen VolkstänzerInnen erst Ende der 80er Jahre auf Seminaren, die sie, z.B. als Balkantänzer, im ehemaligen Ostblock besuchten. Inzwischen sind Volkstänzer aus Taiwan und Hongkong dazu gekommen, die das gleiche Programm tanzen.
Offen ist die Frage, ob die Amerikaner dachten, dass das internationale Tanzprogramm ein rein amerikanisches Programm sei oder ob sie sich der Tatsache bewusst waren, dass die Tänze ursprünglich mit den Einwanderern aus vielen Ländern in die USA kamen und gar keinen amerikanischen Ursprung hatten. Implementiert wurden sie als amerikanische Tänze in beiden Ländern und sollten dort vermutlich die Volkskultur beeinflussen oder ablösen. Nach 60 – 70 Jahren kann man sagen, dass die Amerikaner mit den Tänzen kulturelle Vielfalt, Offenheit für Neues, persönliches Engagement und Demokratie auf den Weg gebracht haben. The American Way of Life, wie im Marshall Plan konzipiert, gehörte sicher nicht dazu.
Wie können wir die Vertreter der Verwaltungen, die dem Volkstanz allgemein eine rückwärts-gewandte, möglicherweise völkische Tendenz nachsagen, überzeugen, dass wir schon lange um den Globus tanzen und innerhalb von Europa enge Verbindungen zu anderen TänzerInnen pflegen???? Nix mit völkischer Einfalt, wir pflegen schon sehr lange eine kulturelle Vielfalt der Völker in einem transkulturellen Denkansatz!
*Ein österreichischer Volkstanz; **Ein Tanz aus Japan, der die Arbeit von jap. Bergarbeitern darstellt.
*Wer sich für eine ausführliche Darstellung der Volkstanzbewegung nach dem 2.Weltkrieg interessiert, bekommt Informationen von Eveline Krause
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