LAG  LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT TANZ BERLIN E.V.


LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT TANZ BERLIN E.V.


Tanzen ohne die

Tanzen ohne die Nazis

von Dominic Mealy für den „Exberliner“, 129. Ausgabe, Juni/Juli 2014

Übersetzung: Eveline Krause, autorisiert vom Verfasser und Herausgeber Deutscher Volkstanz wurde nach dem

2. Weltkrieg eine politisch stigmatisierte Angelegenheit. Gegenwärtig gibt es nur noch eine Hand voll Senioren, die dafür sorgen, dass der (deutsche) Volkstanz nicht gänzlich von den Rechten einverleibt wird.

Weltweit wird traditioneller Volkstanz entweder als ein patriotischer Ausdruck oder eine harmlose Freizeitbeschäftigung gesehen. Nirgendwo wird der Wunsch wie die Großeltern zu tanzen als gefährlich angesehen außer in Deutschland.

Ungefähr zur Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts erlebte Volkstanz eine Zeit der Wiederbelebung, nachdem er mit Beginn der Industriellen Revolution als Ausdruck einer ländlichen Kultur große Bedeutung hatte.

In der Wiederbelebungsphase wurden die Tänze schneller und Elemente von Walzer und Polka aufgenommen. In dieser Form wurden die Tänze bis in die Weimarer Republik Teil der Freizeitgestaltung der sozialdemokratisch orientierten Arbeiter und der Jugend.

Im Dritten Reich wurden den Tänzen eine andere Bedeutung zugeschrieben. Das „Ideal der Volksgemeinschaft“ versuchte den Ursprung der Tänze in germanischen Wurzeln zu finden.

Darüber hinaus wurde der forcierte Volkstanz im Einheitsdirndl und mit blonden Zöpfen als perfektes Mittel angesehen die aufkommende Swing- und Jazzmusik zurück zu drängen.

„Es ist nicht zu leugnen, dass Volkstanz ein zentrales Mittel war, deutsche Kultur für die nationalsozialistische Politik zu benutzen“ stellt Dr. Theresa Jacobs vom Inst. für Theaterwissenschaften in Leipzig fest. „Diese Tanzform bestand schon vorher und hätte auch ohne politischen Einfluss weiterhin Bestand gehabt“. Kurz, Deutscher Volkstanz wurde

nicht von den Nazis erfunden und die meisten tanzten ohne politische Motivation. Einige Gruppen wurden sogar verboten,

wenn politisch als unliebsam von den Nazis erkannt.

Im Rahmen der Entnazifizierung wurden nur braune Farbtöne wahrgenommen, nicht differenziert, und so wurde auch Deutscher Volkstanz „entnazifiziert“ sagt Dr. Ingrid-Eveline Krause von der LAG Tanz Berlin e.V. Dafür wurden in Schulen anstelle von Deutschen Volkstänzen die Tänze aus der Sammlung „101 Easy Dances“ unterrichtet.

Heute liegt Volkstanz in den Händen von zwei Gruppen: Die unpolitischen Erben der Tradition vor ´33 und dann denen der Neonazis.

Volkhard Jähnert gibt mit seinen leichtfüßigen Senioren in einem alten Sportzentrum im Nord-Westen Berlins als Wächter der Traditionen eine gute Figur ab. Der Achtzigjährige ist der lebendige Beweis für die jung erhaltende Funktion des Tanzes wenn er drehend, springend und singend einen mehrstündigen Übungsabend anleitet. Dafür hat er jahrzehntelange Übung, er leitet seine Gruppe seit 1950.

Der Leiter des Volkstanzkreises Reinickendorf, langjähriger Organisator von Volkstanztreffen sowie Mitglied in der DGV e.V., ist eine Instanz im Volkstanz. Sein lebenslanges Engagement für Volkstanz offenbart in keiner Weise eine Rechtslastigkeit. „Ich bin kein Nazi und wir in der DGV tolerieren keine Neo-Nazis in unseren Gruppen“. Er sieht sie nicht als Bedrohung an in Bezug auf die Erhaltung der Tradition. Er meint, dass das Interesse der Neonazis für die Traditionspflege überschätzt wird.

Die Tatsachen geben ein anderes Bild. Sowohl Volkstanz als auch das Singen von Volksliedern haben lange eine Rolle in den Aktivitäten der extrem Rechten gespielt. Sie waren zur Unterhaltung bei sozialen und politischen Versammlungen wichtig, aber auch als familienfreundliche Alternative zu ihrem Nagelschuh Image. Volkstanz Vorführungen waren ein Teil der NPD Sommersonnenwendfeiern an denen die Vereinigungen der Völkischen Jugend und die nun verbotene Heimattreue Deutsche Jugend teilgenommen haben.

Auf einem Sommerfest 2010 in der „Kolonie Einigkeit“ in Pankow waren Vertreter der NPD und ihrer Jugendorganisation sowie hunderte von Rechtsextremisten dabei als der Berliner Tanzkreis Spree-Athen e.V. für die NPD Führung mit völkisch hergerichteten Frauen und kurzgeschorenen Männern auftanzte. Die Gruppe war ausgerüstet mit Springerstiefeln,

Handwerkerhosen, bestickten Hemden und Lederhosen.

Seit diesem Ereignis mit einer unerwarteten Öffentlichkeit inklusive eines Artikels im „Berliner Kurier“ ist der „Tanzkreis Spree – Athen“ aus der Öffentlichkeit verschwunden und hat, zumindest unter dem Namen, keinen öffentlichen Auftritt wiederholt.

Jähnert ergänzt, dass es eine Gruppe in Zehlendorf gab, mit der er aber nicht mehr zusammen arbeitet. Sie waren keine Gruppe der Neo Nazis, aber in der Gruppe gab es Mitglieder, die eindeutig mit den extremen Rechten verbunden waren.

Der Volkstanzkreis Zehlendorf wird von der 75 jährigen Heidrun Köhn geleitet, die als Veteranin der nationalistischen Szene gilt und zum Thema nur wenige Worte sagte (s.u.).

Ulli Jentsch vom Berliner antifaschistischen Pressearchiv: “Köhn ist Teil des anti-semitischen Bundes für Gotterkenntnis und der Volkstanzkreis Zehlendorf hat Verbindungen mit dem Tanzkreis Spree-Athen. Beide Gruppen scheinen sich weiter zu treffen und treten bei Zusammenkünften der extremen Rechten und der Neonazis auf.“

In einem Interview nach dem Seniorenchortreffen im Britzer Garten machen Oliver und Claudia Schier vom Berliner Volkstanzkreis und Mitglieder der DGV den Unterschied:“ Diese Gruppen existieren, aber wir haben nichts mit ihnen zu tun.“ Oliver Schier ergänzt, dass sich die DGV im Willy-Brandt-Haus trifft als klares Zeichen, dass Menschen mit Ansichten der Extremen Rechten nicht erwünscht sind.

Außenseiter werfen die Gruppen beider Denkweisen zusammen. “ Wir gelten als „schuldig“ weil wir auch Deutschen Volkstanz vertreten“ beklagt sich Claudia Schier.

Diese undifferenzierte Denkweise behindert die Chancen der Volkstänzer auf Förderung, sowohl die der finanziellen Unterstützung als auch beim Anmieten von Hallen bei Volkstanztreffen. Die staatlichen Vertreter befürchten, dass Neo-Nazis bei den Veranstaltungen dabei sind.

Diese offizielle Paranoia Deutschen Volkstanz nicht zu unterstützen kann den Rechten in die Hände spielen. Jähnert ergänzt,dass er früher vom Jugendamt eingeladen wurde Tanzgruppen für Kinder und Jugendliche zu leiten. Oliver Schier ergänzt, dass es nicht mehr so sei. Im Gegenteil, es bestünde ein Problem überhaupt das Wissen und die Tradition weiter zu geben, da es auch keinen Zugang zu Schulen gäbe. „Bis jetzt haben wir schon zwei Generationen, die keine Deutschen Volkstänze mehr gelernt haben.“

Die extremen Rechten scheinen angesichts des Durchschnittsalters von ca. 70 Jahren und nur wenigen jüngeren Teilnehmern den „Kulturkampf“ um Deutschen Volkstanz gewonnen zu haben. Die nationalistisch eingestellte Heidrun Köhn vertraut darauf, dass sie den Tanzkreis Zehlendorf wieder aufbauen wird und sie ergänzt:“ Und wir haben viele junge Leute, die sich für Deutschen Volkstanz interessieren“.