LAG  LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT TANZ BERLIN E.V.


LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT TANZ BERLIN E.V.


Gedanken zum Tanz

Gabriele Frydrych

Gfrydrych@aol.com



Heute schon getanzt?



Stramme Waden, dralle Mieder


Dirndl, Holzschuhe, fliegende Röcke, dralle Mädels, stramme Männerwaden, ältere Herrschaften, nur betrunken zu ertragen, Faschismus  – das fällt vielen spontan zum Begriff „Volkstanz“ ein. Aber im Urlaub wehmütig zusehen, wenn griechische Männer vorm Sonnenuntergang Hassapikos tanzen, wenn auf einer türkischen Hochzeit alle ohne Ausnahme beim Halay Spaß haben. Oder auf Dorffesten in Frankreich, Schweden und Spanien erstaunt konstatieren, dass in anderen Ländern Volkstanz nicht ideologisch kontaminiert ist und Jung und Alt sichtlich Freude macht. Aber da ist es ja auch „Folklore“, kein spießiger „Volkstanz“. Der Begriff „Folklore“ ruft eher solche Assoziationen hervor: Live-Musik, Fest, Gemeinschaft, Fröhlichkeit.



„Dafür bin ich extra in die Schule gekommen!“


Freude und Spaß versprechen sich auch die Achtklässler, die ungeduldig vor der Aula warten. Sie wollen Unterricht – und zwar sofort! Ein „verhaltensorigineller“ Schüler sagt zur Lehrerin, die den Ghettobluster anschleppt: „Wann tanzen wir endlich? Dafür bin ich extra in die Schule gekommen!“ Von so einer positiven Erwartungshaltung berichten viele KollegInnen, die seit Jahren „Tänze aus vielen Ländern“ unterrichten (in Musik oder Sport, im Wahlpflichtunterricht oder in Arbeitsgemeinschaften). Und das in einer bemerkenswerten Vielfalt: Tänze aus Israel, Rumänien, Russland,

Schottland, Armenien, Ungarn, Serbien usw. Tänze im Kreis, in Reihen, in Gassen und paarweise. Tänze zu Panflöten, Steel-Drums, Bouzoukis und Balalaikas. Square Dance, Line Dance, Rounds, Mixer, Debkas, Horas, Quadrillen. Es ist durchaus auch mühsam, Kinder zu Tänzen zu bewegen, mit denen sie sich von allein nicht befassen würden. Aber freiwillig würde auch kaum ein Schüler „Emilia Galotti“ lesen oder „Die vier Jahreszeiten“ hören…  



Tanzunterricht lohnt sich


Am liebsten tanzen SchülerInnen zu „ihrer aktuellen Musik“ und denken sich selber Choreographien dazu aus. Aber es ist verblüffend, wie stolz sie sind, wenn eine Square Formation (zu Musik der 50er Jahre) das erste Mal klappt. Beim Square Dance müssen vier Paare gemeinsam „funktionieren“ –  eine Teamarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Etliche Tänze z.B. aus Griechenland, Armenien oder Israel werden mit der Zeit solche Ohrwürmer, dass die SchülerInnen sie sich jede Stunde wünschen. Das gemeinsame Erleben bei einem Kreistanz lässt sie, so kitschig es klingt, dermaßen strahlen, wie sie es beim Einzeltanz in Formationen nie tun. Allerdings muss man anfangs ein wenig darum kämpfen, damit sich die Kinder überhaupt anfassen… Etliche KollegInnen berichten, dass die Kinder beim Tanzen wie ausgewechselt seien. Sie gehen nett miteinander um und mahnen sich gegenseitig zur Ruhe, damit der Unterricht weitergeht. In tanzenden Klassen wird das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen mit der Zeit unverkrampfter und lockerer. Die Klassengemeinschaft verbessert sich deutlich. Im Musikunterricht lassen sich beim Tanzen musikalische Grundkenntnisse weitaus schneller und effektiver vermitteln als durch eine klassische Querflöten- oder Geigenausbildung der Lehrkraft. Mittlerweile gehört Tanzen zur Ausbildung von Musiklehrern. Man muss dafür kein Balletttänzer sein,  auch Laien sind schnell in der Lage, einfache Kreistänze und Mixer beizubringen.  



„Kein gesunder Mensch tanzt!“


Das hat angeblich Cicero gesagt. Heute würden ihm Mediziner, Tanzpädagogen und alle, die gern tanzen, energisch widersprechen. Tanz dient der Gesundheit, ist gut für Körper und Seele. Im Grunde ist jede Art der Bewegung für Kinder und Erwachsene wichtig. Aber „Tanzen ist Leben“ erklärt Gunter Kreutz, Musikkognitionsforscher an der Uni Oldenburg.

Tanz bringt die Generationen und Geschlechter zusammen. Tanz ist gut fürs Selbstbewusstsein, schult Koordination,

Rhythmusgefühl und Schnelligkeit. Tanz entspannt, tut der Psyche gut und wirkt gegen Alltagsstress. Wer musiziert, singt und tanzt, verbessert die verbale Merkfähigkeit. Tanzen wird gern unterschätzt, dabei beansprucht es Motorik,

Aufmerksamkeit, Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis. Und natürlich ist es nicht nur für Kinder und Jugendliche wichtig,

sondern auch für Erwachsene. Nicht ohne Grund tanzen in Berliner Fortbildungskreisen regelmäßig auch KollegInnen mit, die gar keine Tanzgruppen (mehr) leiten, sondern das nur für sich selber tun. Tanz kann Therapie und Heilmittel bei etlichen Krankheiten sein. Das Demenzrisiko im Alter wird dadurch um 76 Prozent reduziert!


In der Schule merkt man den Bewegungsmangel heutiger Kinder in Sport und beim Tanzen besonders deutlich. Manche können nicht rückwärts laufen oder klagen schon bei einer einzigen Drehung über Schwindelgefühle. Ein flotter israelischer Kreistanz – und sie sinken erschöpft auf die Bank. Vielen Kindern und Jugendlichen liegt gezieltes Üben nicht, sie geben sich schnell mit scheinbaren Erfolgen zufrieden. Beim Tanzen lernen sie auch Ausdauer und Beharrlichkeit.



Das gibt es nur in Berlin!


Ihren Höhepunkt findet die kontinuierliche Arbeit der „Tanzmeister“ bei den Musischen Wochen: „Tanz in der Schule – Tänze aus aller Welt.“  In diesem Juni zum 41. Mal. In der Sporthalle Schöneberg tummeln sich an drei Nachmittagen rund 2000 Kinder und Jugendliche aus ca. 70 Berliner Grund- und Oberschulen. „Gastgruppen“ reisen aus Brandenburg,

Bayern und Niedersachsen an. Hier findet Inklusion behinderter Schüler ohne große Proklamationen statt. Dieses große Tanzfest ist bundesweit einmalig. Eigentlich schade, dass es dabei immer so friedlich zugeht – die Presse würde sicher häufiger mal vorbeischauen, wenn es ein paar Prügeleien und Verletzte gäbe. Aber 2000 Kinder, die gemeinsam Folklore tanzen? Nicht spektakulär genug, zu langweilig, wenn kein Stardirigent, keine Starchoreographin es initiiert haben, sondern nur einfache Lehrer…Und dabei geschieht hier gerade das, was Bildungsexperten und Journalisten ständig fordern:

Teamarbeit, Toleranz, Integration, multikulturelle Annäherung. Alle können mitmachen, niemand wird wegen falscher Körpermaße oder ungeschickterer Schritte aussortiert. Es geht nicht um Wettbewerb, Bühnenpräsentation und Spitzenleistung, sondern um das Miteinander verschiedenster Kinder und Jugendlicher. Merke: „Beim Tanzen gibt es keine Fehler – nur Variatonen!“


Eine Kommission von 20 Lehrern legt jedes Jahr 27 Tänze fest, die in der Sprothalle Schöneberg hintereinander abgespielt werden, einzelne sogar mit Live-Musik. Diese Tänze werden in verschiedenen Fortbildungskursen und Kompaktseminaren weitergegeben. Jede teilnehmende Gruppe muss davon mindestens zehn können.



Reaktionen von Tanzabstinenten


Kollegen anderer Fächer halten Tanzen manchmal für läppisch: In der Schule müsse man Tests schreiben und Vokabeln lernen, alles andere sei kein ordentlicher Unterricht. Was manchmal so einfach aussieht, erfordert Konzentration,

Rhythmusgefühl und Übung. Das merken Eltern und Kollegen dann selber, wenn sie bei Schulfesten zu einfachen Mitmachtänzen aufgefordert werden und schnell überfordert sind. Pädagogische Nischen würde man sich beim Tanzunterricht suchen, spottet der Schulleiter. Die Urkunden von den Musischen Wochen lässt er aber doch an die Wand hängen.


Vor einigen Jahren stöhnte die Presse begeistert: „Endlich ist Tanzen in der Schule angekommen!“ Damit meinte sie allerdings nicht die Folklore-Begeisterten, die seit Jahrzehnten an Berliner Schulen tanzen, sondern Profitänzer, die kurzzeitig Modern-Dance-Projekte anbieten, die von den Eltern bezahlt werden müssen. Ohne andere Tanzarten abwerten zu wollen: Kann man nicht erst dann improvisieren, wenn man solide Grundkenntnisse hat? Entwickeln sich beim Modern Dance dieselben Gruppenerlebnisse, Dinge wie Toleranz und Gemeinschaftsgefühl, wenn jeder für sich allein tanzt?

Schade, dass spektakuläre und kurzfristige Projekte oft mehr gefördert und anerkannt werden als die kontinuierliche alltägliche Kleinarbeit in den Schulen. Wie so oft wird auch beim Tanz die Diverganz zwischen Spitzensport und Breitensport deutlich. Ist es nicht wichtiger, regelmäßige Tanzförderung für möglichst viele zu betreiben als einzelne Klassen mal ein paar Wochen mit einem Balletttänzer zu beglücken?


Fazit: Bewegung ist wichtig. Tanz ist eine Form von Bewegung, die vielfältigste positive Auswirkungen hat. Gerade der gebundene Tanz mit seinen festen Formen ist für die Schule besonders geeignet. Förderung verdient auch und vor allem die alltägliche kontinuierliche Arbeit, nicht nur das spektakuläre Show-Vorhaben einzelner (sicher sehr verdienter) Künstler.



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